Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz

Veröffentlicht am 29.09.2026 in Politik

Reges Interesse an SPD-Podiumsdiskussion in der Denzlinger Ortsmitte

Das Podium: Pauline Ploh, Tobias Breisacher, Andrea Hauschel, Fabian Nitz, Kerstin Harms, Michael Herbstritt, Evelyn Heeg, Björn Reuter (von links). ​​​​​​​Fotos: Karlheinz Schiedel

Künstliche Intelligenz (KI) – ein Thema, das vielen Menschen, alt wie jung, unter den Nägeln brennt. Die Auswirkungen auf Schule und Arbeitswelt, die Frage, ob KI nun eher ein Jobkiller oder eine große Zukunftschance ist, stand im Zentrum einer gut besuchten Podiumsdiskussion in Denzlingen. Der SPD-Ortsverein hatte dazu im Rahmen der „Aktion lebendige Ortsmitte“ Experten aus Industrie, Verwaltung, Gesundheitsberufen, Schulen und Gewerkschaften eingeladen. Gut und gerne 50 Menschen, darunter auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Fechner, waren am Montagabend in die einstweilige Denzlinger Fußgängerzone gekommen. Sie erlebten eine hochinformative und spannende Veranstaltung. Souverän moderiert von der Jugendgemeinderätin Pauline Ploh und dem SPD-Ortsvereinsvorsitzenden Björn Reuter.  

Das Podium war mit Andrea Hauschel und Tobias Breisacher (Firma Schölly Fiberoptic, Denzlingen), Kerstin Harms, (Pflegedirektorin am Kreiskrankenhaus Emmendingen), Michael Herbstritt (verdi-Geschäftsführer Südbaden/Schwarzwald), Denzlingens Bürgermeister Fabian Nitz und Evelyn Heeg (Direktorin der Ruth-Cohn-Schule) hochkarätig besetzt. Dass Künstliche Intelligenz schon längst in Industrie, Verwaltung, in Krankenhäuser, Schule und Bildungseinrichtungen Einzug gehalten hat und dort mittlerweile eine bedeutende Rolle spielt, wurde bereits in der Eröffnungsrunde deutlich. Dass davon berufliche Existenzen bedroht werden können, aber auch. Björn Reuter nannte das Beispiel einer Grafikdesignerin, die ihre berufliche Selbstständigkeit aufgeben musste, weil ihr nach Einführung der KI die Aufträge wegbrachen. Der von der Ortsverwaltung herausgegebene Flyer zur „Aktion Lebende Ortsmitte“ sei mit KI-Hilfe gestaltet, räumte Bürgermeister Fabian Nitz ein. Er warb aber für Technologieoptimismus. Auch bei der Einführung des Internets gab es warnende Stimmen. Am Ende hat es sich aber durchgesetzt. Ja, die moderne Arbeitswelt erfordere von allen Beteiligten eine hohe Flexibilität. KI könne aber durch die Übernahme bestimmter Verwaltungsarbeiten, beispielweise bei der Archivierung, Protokollierung oder Einsatzplanung im Bauhof nicht nur hilfreich sein, sondern auch Freiräume für die eigentlichen Aufgaben schaffen und so Arbeitsplätze attraktiver machen. „Uns geht die Arbeit nicht aus“, ist sich das Gemeindeoberhaupt sicher.

Tobias Breisacher und Andrea Hauschel (Firma Schölly, Denzlingen), sowie Bürgermeister Fabian Nitz

Welche Bedeutung KI bei einem der großen Arbeitgeber in Denzlingen, die Firma Schölly Fiberoptic, hat, wusste deren Process Engineer Tobias Breisacher zu berichten. Bereits seit drei, vier Jahren habe die neue Technik im Maschinenbau Einzug gehalten. Als Beispiel nannte er die Entwicklung von Visualisierungssystemen, die in der Medizin eingesetzt werden und es ÄrztInnen ermöglichen, selbst kleinste Frakturen zu entdecken, die mit bloßen Augen überhaupt nicht auffindbar wären. Neue Qualifikationen werden benötigt. Beispielsweise bei der Softwareentwicklung: Das Programmieren übernimmt die KI, der Ingenieur überprüft anschließend gewissenhaft das Ergebnis. Kritisches Denken und Wissen, um dies richtig einschätzen zu können, werden folglich immer wichtiger. Dem pflichtete auch seine Kollegin Andrea Hauschel bei, die eine leitende Position in der Schölly-Personalabteilung innehat. Kritikfähigkeit werde in Zukunft immer mehr benötigt, auch die Fähigkeit zu analysieren und sich intensiv mit Themen auseinanderzusetzen. Durch den Wegfall einfacherer Aufgaben werde es für Berufseinsteiger schwieriger, räumte sie ein.  Auch in ihrem Zuständigkeitsbereich würde KI für neue Herausforderungen sorgen. Beispielsweise bei der Sichtung und Einordnung von Bewerbungsschreiben.

Welche Bedeutung Künstliche Intelligenz gerade in der Radiologie schon hat, schilderte  Kerstin Harms, Pflegedirektorin am Emmendinger Kreiskrankenhaus. Auch in der Verwaltung, beispielsweise bei der Verschriftlichung diktierter Arztbriefe, leiste sie wertvolle Hilfe und mache die Arbeitsabläufe effizienter. Empathie, menschliche Zuwendung, Trost und Verständnis bei der ärztlichen Behandlung oder der Patientenpflege könne sie jedoch nicht ersetzen. Jedoch durch die Übernahme von reinen Verwaltungstätigkeiten mehr Freiräume und Zeit dafür bei ÄrztInnen und PflegerInnen schaffen. Eine Herausforderung sei die Gewährleistung der PatientInnensicherheit gerade bei sensiblen, persönlichen Daten. 

Kerstin Harms (Kreiskrankenhaus Emmendingen), Michael Herbstritt (Verdi) und Evelyn Heeg (Ruth-Cohn-Schule)

Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hatte (unter anderem) Verdi-Geschäftsführer Michael Herbstritt im Blick. Solange KI den Menschen ihre Arbeit erleichtert, sei ja alles super. KI dürfe aber keineswegs zu Stellenabbau und Massenarbeitslosigkeit führen. Die entscheidende Frage sei: Wie verteilen wir in Zukunft die Arbeit? Wenn Menschen keine Arbeit mehr finden, werden sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen, mahnte er. Von Unsicherheiten bei jungen Leuten sprach Jugendgemeinderätin Pauline Ploh. Sie sehe Zukunftsängste bei vielen in ihrer Generation. Viele hätten die Angst, „dass uns das alles überrollt“. Es sei jedenfalls wichtig, auf Chancengerechtigkeit zu achten und mehr Ungleichheit zu verhindern.  

Evelyn Heeg, Direktorin der Ruth-Cohn-Schule, pflichtete ihr bei und verwies auf die Gefahr, dass nicht vorhandene oder eingeschränkte Zugangsmöglichkeiten zu KI-Angeboten zu mehr Ungleichheit führen könnte. KI ist für vielen SchülerInnen bereits zur Selbstverständlichkeit geworden, die nicht mehr hinterfragt werde. Andere Themen seien da wichtiger. Allerdings beobachte sie häufig eine Falschnutzung von Künstlicher Intelligenz. Statt deren Potenzial richtig für den eigenen Lernerfolg zu nutzen, stünde nur das Motto: „Hauptsache es geht schneller“ im Vordergrund. Medienbildung und eine Hinführung zur kritischen Nutzung von KI seinen daher wichtig. Entsprechende Bildungspläne werden gerade entwickelt. „Da kommt noch einiges auf uns zu“, so ihr Resümee.

Pauline Ploh
Björn Reuter

Die abschließenden Fragerunde, pro oder contra KI, in die auch das Publikum einbezogen wurde, brachte insgesamt eine deutliche Mehrheit für das Pro-Lager. Die Chancen von KI werden offenbar größer eingeschätzt als deren Gefahren. Allerdings war man sich einig, dass es auch politische Steuerungsmöglichkeiten und Regularien bedürfe, um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Man dürfe hier nicht alles den milliardenschweren Tech-Bossen in den USA oder  China überlassen, sondern auch europäische Entwicklungen ins Auge fassen. 
       
Fast wie ein Schlusswort mutete die Wortmeldung eines begeisterten Zuhörers an: Selten habe er eine derart interessante und kompetente Diskussionsrunde verfolgt, die viele neue Perspektiven zum Thema KI aufgezeigt habe und zudem ausgezeichnet moderiert wurde. Er wünsche sich mehr solche Veranstaltungen im öffentlichen Raum und lobte das Potenzial der neuen Ortsmitte in Denzlingen dafür. Ein schöner Erfolg für den SPD-Ortsverein als Veranstalter und alle Beteiligten. Was bleibt ist ein rundum positiver Gesamteindruck, den übrigens auch ein jugendlicher Störer nicht eintrüben konnte, der bei Björn Reuters Begrüßung der Gäste laut „AfD“ dazwischen brüllte, ansonsten aber nichts Substanzielles beizutragen vermochte.  

Karlheinz Schiedel


 

 

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