Sabine Wölfles Rede zum Weltfrauentag

Veröffentlicht am 09.03.2019 in Reden/Artikel

Der 8.Mai – jedes Jahr erneut machen sich Frauen auf den Weg, sie demonstrieren, sie protestieren, sie ziehen Bilanz.
Wir Frauen stehen auf den Marktplätzen, verteilen Rosen oder Nelken an die Frauen, erinnern an das Erreichte und an das Nicht- Erreichte. Wir sitzen abends in größeren Veranstaltungen, schauen Frauenfilme an, reden über uns und über Frauen in der Dritten Welt. In den Zeitungen, im Fernsehen kommen Beiträge zum Weltfrauentag und am nächsten Tag gehen wir alle wieder zur Tagesordnung über.
Die Süddeutsche Zeitung titelte vergangene Woche: Der Frauentag darf seine zornige Seite nicht verlieren.
Sind wir Frauen noch zornig? Zornig genug ?
Kämpfen wir noch oder sind wir müde vom kämpfen?

Der Weltfrauentag ist ein Erinnerungstag, mehr aber noch ein Tag des Kampfes.
Ja, wir Frauen sollten wieder laut werden, überall auf der Welt.
Denn es gibt noch viel zu tun.

Seit 100 Jahren gibt es diesen Tag. Er entstand als Initiative sozialistischer Organisationen in der Zeit vor Beginn des 1.Weltkrieges im Kampf um Gleichberechtigung und für das Wahlrecht der Frauen sowie für die Emanzipation von Arbeiterinnen und fand erstmals am 19.März 1911 statt. Die Sozialdemokratin Clara Zetkin schlug im Rahmen der Zweiten Sozialistischen Frauenkonferenz am 27.August 1910 in Kopenhagen die Einführung eines internationalen Frauentages vor. Sie hatte aber kein bestimmtes Datum im Sinn. Der eigentliche Anstoß kam dann aus den USA. Die weiblichen Mitglieder der Sozialistischen Partei Amerikas, ja, so etwas gab es auch einmal in den USA, hatten 1908 ein Nationales Frauenkomitee gegründet. Dieses beschloss einen eigenen Kampftag um für das Frauenstimmrecht zu kämpfen. Dieser erste Frauentag, damals am 28.Februar 1909, war ein Erfolg, danach schlossen sich die Frauen aus den bürgerlichen Lagern, die sogenannten Suffragetten den Forderungen an. Schon hier zeigte sich, dass Frauen auch aus sehr unterschiedlichen sozialen und politischen Verortungen sich gut zusammentun können, wenn es eine gemeinsame Überzeugung gibt, hier war es vor allem der Kampf um das Wahlrecht.
Nach dem ersten Erfolg war klar, dass man diesen Tag jährlich wiederholen muss. Clara Zetkin und andere Mitstreiterinnen griffen diese Idee also auf und so entstand der Wortlaut eines Beschlusses damals in Kopenhagen der da lautete: 
„Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht dient. […] Der Frauentag muss einen internationalen Charakter tragen und ist sorgfältig vorzubereiten.“

Zunächst war das Datum auf den 18.März gelegt worden. 1917 gab es dann eine Änderung und zwar wurde das jährliche Datum  vom 18.März auf den bis heute noch geltenden 8.März gelegt. Hintergrund war der Aufstand der Bewohnerinnen in Petrograd in einem Armenviertel. Diese Frauen gingen gemeinsam mit Bäuerinnen auf die Straße, ebenso Frauen von Soldaten. Diese Frauen lösten mit ihrem Protest die Februarrevolution aus, bekanntlich damit das Ende der Zarenzeit. Zu Ehren dieser Frauen wurde dann auf dem 2.Internationel Frauenkongress 1921 in Moskau der 8.März als Internationaler Frauentag eingeführt. Ob diese Version wirklich historisch richtig ist, kann man nicht mit Bestimmtheit sagen. Es gibt noch andere Versionen, diese aber scheint sehr realistisch zu sein. In der Zeit der Weimarer Republik zwischen 1918 und 1933 gab es dann einige Turbulenzen zum Frauentag. Trotzdem blieben die Frauen dem Ansinnen des Frauentages treu und forderten Arbeitszeitverkürzungen ohne Lohnabschläge, eine Senkung der Lebensmittelpreise, eine regelmäßige Schulspeisung und den legalen Schwangerschaftsabbruch.

Machen wir an diese Stelle eine kleine Reise zurück in die Zukunft, dann kommt uns Frauen davon auch heute noch vieles vertraut vor. Während der nationalsozialistischen Diktatur von 1933 bis 1945 wurde dieser Tag verboten. Stattdessen wurde der Muttertag eingeführt, dies entsprach dem Bild der Frau aus Sicht der Nationalsozialisten mehr als die für ihre Rechte und Freiheit  kämpfende Frau. Von nun an wurde ihr nur noch die Mutterrolle zuerkannt. Tatsächlich aber wurde der 8.März im Verborgenen weiter fortgeführt. Er war Teil des Widerstands und des Untergrundes gegen das Regime. 
Nach dem 2.Weltkrieg, im geteilten Deutschland, gab es unterschiedliche Wertigkeiten des Frauentages. In der sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR, wurde er bereits 1946 wieder offiziell eingeführt. Im Westen wurde durch die SPD-Frauen ab 1948 wieder dem ursprünglichen Gedanken des Frauentages erinnert und wieder eingeführt. In Westdeutschland veränderten sich die Themen für die Frauen, der Weltfrieden stand im Zentrum und der 8.März wurde von Frauen auch genutzt, um gegen die Wiederbewaffnung der Bundeswehr zu demonstrieren. Für die Mehrheit der Frauen verlor dieser Tag an Bedeutung. Man hatte in den Aufbaujahren andere Probleme und so waren es eher autonome Frauengruppen oder linke und sozialdemokratische Frauen die gemeinsam agierten.
Nach der Wiedervereinigung veränderte sich der Frauentag erneut. Zunehmend wurde den Frauen die Bedeutung des Datums wieder ins Bewusstsein geführt und das Gefühl, das es noch immer Rechte für Frauen gibt, die noch nicht erreicht wurden, machte den Tag wieder bedeutsamer. In einigen Ländern ist der Internationale Frauentag sogar ein gesetzlicher Feiertag. 
Hieß es noch zu Beginn „ heraus mit dem Frauenwahlrecht“ ist das Thema heute, nach Erreichung dieses Ziels, die vollständige Gleichstellung der Geschlechter. Dieses Ziel ist bisher nicht erreicht, auch nicht bei uns.
Wie wichtig die Forderungen der Frauen sind, zeigt sich auch an der Tatsache, dass die Vereinten Nationen an der Tradition des International Frauentages anknüpfen und seit 1977 sich in unterschiedlicher Form aktiv beteiligen. Jedes Jahr legen  die Vereinten Nationen ein Thema als Schwerpunkt fest. Und die Auswahl der Themen ist riesengroß. Überall auf der Welt erfahren Frauen Benachteiligung, ob in der Dritten, in der Zweiten oder in unseren hochentwickelten demokratischen Gesellschaften. Zumeist liegt der Fokus  auf bessere Bildung für Frauen und Mädchen und mehr politische Beteiligung sowie bessere Lebensverhältnisse. Die Themen gehen jedenfalls nirgendwo auf der Welt aus.
Und auch bei uns ist Deutschland Gleichstellung noch immer im Schneckentempo unterwegs. Noch bis 1958 durften Frauen ohne Einwilligung des Ehemanns kein Bankkonto eröffnen und erst ab 1977 durfte Frau ohne Einwilligung des Ehemanns arbeiten. 
Für Clara Zetkin war bereits 1910 eines klar: „Wir Frauen reden nicht über Sonderrecht sondern über Menschenrechte“.
Gewalt, Unterdrückung, Folter, sexuelle Selbstbestimmung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, Parität in der Politik, gleiche Aufstiegschancen in die Vorstände der Wirtschaftskonzerne, partnerschaftlicher Aufteilung in der Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen Mann und Frau, Unterschiede in der Rente, faire Steuersysteme, Selbstbestimmung – mir fallen da unzählig viele Themen ein.
Erreichen wir das alles mit dem Verteilen von Blumen am 8.März? Ich glaube nicht.
Ist es nicht wieder an der Zeit, laut zu werden?
Müssen wir nicht endlich den 8.März auch wieder zu einem Kampftag machen?
Hier sage ich ganz klar ja.
Nur das Erreichte zu feiern reicht nicht und die Frauengenerationen vor uns wären darüber auch nicht glücklich.
Würde eine Clara Zetkin heute Bilanz ziehen können, würde sie klar sagen, ja, wir haben viel erreicht. Das aktive und passive Wahlrecht, die Gleichstellung in unserem Grundgesetz und vieles mehr. Aber es sind viele alte Probleme geblieben und neue hinzugekommen. Neben den noch immer bestehenden Nachteile die Frau durch Sorgearbeit in der Rente hat, den Lohnungleichheiten, hier arbeiten Frauen im Vergleich zu Männern bis zum 18. März umsonst, ist es vor allem die politische Beteiligung. Vieles würde sich in unserer Gesellschaft ändern, hätten Frauen die Hälfte der Macht. Die Realität ist eine andere.
Der Frauenanteil im Deutschen Bundestag ist so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr, in den Landesparlamenten liegt er auch kaum bei 30 % und Baden-Württemberg hat den niedrigsten Frauenanteil aller deutschen Parlamente überhaupt. (38w, 105m =143; 26,6%w, 73,4%m =100%) Bald sind Kommunalwahlen. Hier beträgt der Frauenanteil in den Gemeinderäten23,9 %. In nur 10 Gemeinderäten sitzen 50 % Frauen, 1091 Räte sind mehrheitlich mit Männern besetzt und in 26 sind sogar nur Männer zu finden.
Deshalb ist es falsch, dass wir am 8.März nur feiern als agitieren. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn Männer diesen Tag nicht ernst nehmen. Ja, manche helfen beim Nelkenverteilen und erst letzte Woche saß ich in der ersten Reihe einer Veranstaltung zum Frauentag mit männlichem Oberbürgermeister und Landrat. 
Man zeigt sich solidarisch, aber Macht teilen oder gar abgeben ist nicht geplant. Männer belächeln den Frauentag und wie oft hört man, „was wollt ihr eigentlich, ihr habt doch alles erreicht“.
Nein, haben wir nicht.
Altersarmut ist weiblich, Doppelbelastung Familie und Beruf ist weiblich, Diskriminierung ist weiblich und der Blick in die Welt zeigt noch andere Dimensionen auf. Nein, es reicht nicht wenn unsere Männer am 8.März auf die Kinder aufpassen und wir draußen feiern. Wir müssen Flagge zeigen, die Trillerpfeifen auspacken und wieder Bewusstsein schaffen. Ein halber Himmel ist eben nur die Hälfte.
Es geht nie um Mann oder Frau sondern immer um Mann und Frau.
Zwei Halbe ergeben ein Ganzes.
Männliche und weibliche Sichtweisen ergänzen sich, stehen nicht im Widerspruch, das ist wie Ying und Yang. Eine gerechte und solidarische Gesellschaft braucht beide Sichtweisen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir eine Parität in den politischen Gremien bekommen.
Berlin wird den 8.März als gesetzlichen Feiertag einführen. Damit bekommt der Tag die Bedeutung, die ihm zusteht.
Am Ende aber sind wir Frauen selber verantwortlich für die Entscheidung, ob wir den 8.März feiern wollen oder ober wir wieder einen Kampftag daraus machen um die Welt gemeinsam besser machen zu können.

 
 

Homepage Sabine Wölfle MdL

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